„Die Gründung dieser Schule war eine großartige Tat“

Nikolaus-Groß-Abendgymnasium (NGA): Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für dieses Gespräch nehmen. Wie kamen Sie eigentlich darauf, an der Schule, die damals schlicht Bischöfliches Abendgymnasium hieß, ihr Abitur nachzuholen?

Wilhelm Zimmermann: Ursprünglich wollte ich mein Abitur am städtischen Abendgymnasium in Gelsenkirchen ablegen. Dort habe ich aber keinen freien Platz mehr bekommen. Der Schwiegervater vom ehemaligen Schulleiter Herrn Graebe war Organist in meiner Heimatpfarrei. Er hörte von meinem Problem und riet mir, an das Bischöfliche Abendgymnasium zu schreiben. So bin ich dann dorthin gekommen.

In dem Jahr wurde der erste Direktor des Abendgymnasiums, Herr Dr. Allekotte, in der Aula, die hier auf dem Innenhof des heutigen Generalvikariats steht, verabschiedet. Auch das Büro, in dem ich jetzt sitze, war Teil der damaligen Schule. Es war ursprünglich die Münstergrundschule. Dieses Gebäude wurde neu gebaut und dann zog das Abendgymnasium ein. Im Grunde sitze ich hier auf einer Schulbank.

NGA: Wie gelangten Sie zu der Entscheidung das Abitur nachzuholen?

Wilhelm Zimmermann: Es war eine andere Zeit. Ich habe damals noch die Volksschule besucht. Diese habe ich mit 14 Jahren verlassen. Kann ein 14-jähriger entscheiden, was er werden will? In der Regel kann er das nicht. Also überlegten meine Eltern, was ich machen sollte und entschieden, dass ich in eine kaufmännische Lehre gehe. Das habe ich auch gemacht, allerdings glaubte man in Nachkriegsdeutschland, dass man mit einer einzelnen Ausbildung keine Zukunft hat. In dieser Zeit kamen verstärkt Abendgymnasien und Abendrealschulen auf. Ich hatte bereits Kurse in Steno und Schreibmaschine gemacht und dabei reifte der Gedanke, zunächst einmal die Mittlere Reife zu erlangen.

Ich war auch damals schon in der Pfarrei aktiv und ein neuer Priester brachte am Wochenende seine Kollegen mit. Als Jugendliche haben wir uns dann häufig getroffen und uns unterhalten. Da gab es einen Studenten namens Timmesfeld, mit dem ich mich angefreundet habe, und der riet mir, dass ich das Abitur machen soll. Ich habe zunächst nicht geglaubt, das schaffen zu können, aber er überredete mich. Ich hegte schon damals innerlich den Wunsch, Theologie zu studieren und Priester zu werden.

Ich hatte zu Beginn meine Schwierigkeiten, gerade mit Griechisch. Auch Mathe war für mich ein Gräuel. Da bin ich gerade an einer fünf vorbeigeschrammt. Ich konnte die Formeln nicht umsetzen, weil wir es damals nicht geübt haben. Unser Lehrer, Engels hieß er, verbrachte viele Jahre in den USA und übernahm die dortige Art des Unterrichts. Der bestand darin, Formeln beizubringen, und alles andere mussten wir selbst erledigen.

NGA: Das ist nachvollziehbar. Eigentlich wundert es, dass Sie mit einer kaufmännischen Ausbildung, bei der man durchaus mit Zahlenwerken arbeiten muss, Probleme im mathematischen Bereich haben.

Wilhelm Zimmermann: Das ist darauf zurückzuführen. Herr Engels erkrankte dann leider Gottes sehr stark an Krebs und nach seinem Tod übernahm ein praktisch orientierter Mensch, Herr Walter, den Unterricht. Er merkte schnell, dass wir die Formeln nicht anwenden konnten und so hat er vor dem Abitur nichts anderes mit uns gemacht, als die Umsetzung von Formeln zu üben. So bin ich dann an eine Drei Minus gekommen.

NGA: War Griechisch damals am Abendgymnasium ein Pflichtfach?

Wilhelm Zimmermann: Nein, das war es nicht. Ich hätte auch Englisch machen können. Latein mussten wir damals belegen. Die zweite Fremdsprache konnten wir aber wählen. Im Hinblick auf meine theologische Affinität habe ich mich für Griechisch entschieden. Englisch, so dachte ich, könnte ich nachmachen. Am Anfang ist mir das nicht schwer gefallen, aber später, wenn man altgriechische Literatur lesen muss, dann ist das schon heftig.

Ich habe damals von acht bis vierzehn Uhr gearbeitet, bin dann nach Hause und habe Mittag gegessen. Ich habe nach einem kurzen Mittagsschlaf die Schultasche genommen, bin zum Hauptbahnhof und danach mit dem Zug zur Schule gefahren. Da ich damals noch in Dampfzügen gefahren bin, dauerte die Fahrt länger als heute. In der Zeit habe ich immer Vokabeln gelernt. Gegen neun Uhr war der Unterricht beendet und dann war ich gegen viertel nach zehn zu Hause. Dann bin ich sofort ins Bett gegangen. Nur freitags habe ich mich danach noch mit Freunden getroffen.

Die letzten zwei Semester vor dem Abitur musste ich nicht mehr arbeiten. Ich bin finanziell unterstützt worden. Man nannte diese Hilfe das Honnefer Modell. Da ging es dann ein bisschen besser, weil die Belastung nicht mehr so stark war. Vor dieser Zeit musste ich mit einer Blutvergiftung ins Krankenhaus, weil ich mir im Schwimmbad den Fuß aufgerissen hatte. Ich glaubte an einem Sonntag, als unser Vier-Bett-Zimmer gut besucht war, dass ich einen Herzinfarkt hätte. Nach der eingehenden Untersuchung durch den Chefarzt stellte dieser allerdings fest, dass ich körperlich gesund sei, ich aber ein für mein Alter extrem angegriffenes Nervenkostüm habe. Er hat mir dann neben Medikamenten verschrieben, dass ich täglich drei Stunden spazieren gehen müsse. Mit dieser Maßnahme habe ich das Problem in den Griff bekommen.

NGA: Hatten Sie noch andere Strategien, um diesen Belastungen zu begegnen?

Wilhelm Zimmermann: Wenn Sie von morgens bis abends arbeiten müssen und das Wochenende dazu nutzen, in die Bücher zu gucken und zu lernen, dann ist da nicht viel Platz für Strategien. In der Gemeinde war ich in einer Clique und wir haben uns regelmäßig getroffen. Das ist dann die Entspannung.

NGA: Im Gespräch mit den Studierenden wird häufig deutlich, wie wichtig die Unterstützung im privaten Umfeld ist. Hatten Sie damals den nötigen Rückhalt bei Freunden und der Familie?

Wilhelm Zimmermann: Als Einzelkind wird man verwöhnt und meine Eltern haben mich in dieser Entscheidung bestärkt. Als ich mit der Idee zu ihnen kam, haben sie zunächst aber skeptisch geguckt. Man muss sehen, dass meine Eltern einer ganz anderen Generation entstammen. Man hatte eine ganz andere Lebensart. Man hätte zu der Zeit niemals Kredite aufgenommen, wie man es heute selbstverständlich tut.

NGA: Es ist aber bemerkenswert, dass ihre Eltern, die sie als einzige Nachwuchskraft im landwirtschaftlichen Nebenbetrieb gehabt hätten, ihnen ohne weiteres diese Ausbildung zugestanden haben.

Wilhelm Zimmermann: Das ist richtig. Ich hatte ein tolles Elternhaus. Ich kann mich auch noch an Zeiten erinnern, als die Nachbarskinder alle ein Fahrrad bekamen und mein Vater mir erklären musste, dass ich erst in einem halben Jahr ein Fahrrad bekommen konnte. Ich bin in anderen Verhältnissen groß geworden, als man es heute oftmals kennt. Dementsprechend gehe ich auch mit Problemen, die sich an mich stellen, anders um.

NGA: Im heutigen Abendgymnasium treffen verschiedene Menschen aufeinander. Viele Studierende haben Migrationsgeschichten, sie entstammen verschiedenen familiären Verhältnissen, haben unterschiedliche Bildungshintergründe und kommen aus unterschiedlichen Berufsfeldern. War die Zusammensetzung in Ihrer Zeit ebenfalls so durchmischt?

Wilhelm Zimmermann: Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir eine Schülerin oder einen Schüler hatten, die oder der aus einem anderen Land kamen. Die verschiedenen Berufsgruppen gab es aber auch damals. Es gab sogar ein Internat, das vom Abendgymnasium und vom Bistum gefördert wurde, das so genannten Ludwig-Kessing-Heim. Dort haben viele Studierende gewohnt, die von weiter weg kamen und es sich finanziell nicht erlauben konnten, die Strecke täglich zu fahren. Wir sind oft abends zu diesem Heim gegangen, haben dort noch ein Bütterchen bekommen und zusammen gesessen.

Ich habe leider im vergangenen Monat einen Klassenkameraden beerdigt. Norbert Franzen, mein Steuerberater, ging in meine Parallelklasse. Mit ihm habe ich mich auch nach der Schulzeit immer mal wieder getroffen.

NGA: Hatten Sie darüber hinaus auch nach der Schulzeit Kontakt zu ehemaligen Mitschülern?

Wilhelm Zimmermann: Nein, das liegt aber an mir. Ich habe nicht so einen großen Ehrgeiz entwickelt. Als Pfarrer ist man viel unterwegs. Die Abiturklasse hat sich aber in der Regel einmal im Jahr getroffen. Norbert Franzen hat immer alle zusammengerufen. Es gibt einen pensionierten Priester aus Gelsenkirchen-Schalke sowie Clemens Bombeck, der im Bistum Passau sitzt, mit denen ich mir unregelmäßig schreibe oder telefoniere. Mit diesen beiden Klassenkameraden habe ich Kontakt, aber ansonsten mit niemandem. In den ersten Jahren war ich auch beim Schulfest. Je weniger Leute man aber kennt, desto weniger besucht man diese Veranstaltungen dann.

NGA: Gibt es im Rückblick denn Lehrer oder Mitschüler, die sie geprägt haben?

Wilhelm Zimmermann: Der Deutschlehrer, Dr. Küppers, hat in mir die Freude an der Literatur geweckt, weil er neben der klassischen Literatur, Goethe und Schiller, auch moderne Literatur in den Unterricht eingebracht hat. Er hat uns auch Theaterstücke empfohlen.

Ich werde eine Situation nie vergessen. Im Grillo-Theater inszenierte ein später berühmter Regisseur, ein Herr Leininger, „Mutter Courage“ von Brecht. Er stellte damals Atombomben auf und es gab einen großen Skandal. Wir haben uns das Stück angesehen und dieser Regisseur wurde anschließend in die Schule eingeladen, sodass wir ihn zu seinem Stück befragen konnten. Das hat mir sehr viel Freude gemacht.

Allerdings habe ich immer gerne gelesen. Schon als Kind habe ich mit der Taschenlampe unter der Bettdecke die Geschichten von Karl May gelesen, bestimmt 60 Romane habe ich geschafft. Auch heute entnehme ich viele Anregungen für Predigten aus den überregionalen Tageszeitungen und mir fällt es nicht schwer, meine Gedanken zu formulieren. Das führe ich auf die Liebe zur Literatur zurück und ich glaube Herr Küppers war ein Mosaikstein, weil er mich immer wieder dazu motiviert hat, zu Büchern zu greifen.

Darf ich denn fragen, wie viele Studierende momentan das Abendgymnasium besuchen?

NGA: Die Schülerzahlen pendeln sich bei ungefähr 400 Studierenden ein. Allerdings haben wir über Belastungen gesprochen und die machen sich auch insofern bemerkbar, als dass wir eine hohe Fluktuation haben, weil die Studierenden sich dieser Belastung nicht stellen können.

Wilhelm Zimmermann: Zu meiner Zeit haben uns die Lehrer häufig gut zugeredet. Der eben angesprochene Herr Tobias, bei dem ich Griechisch hatte, merkte, wenn ich geneigt war, die Flinte ins Korn zu werfen und motivierte mich dann, indem er mir Mut zusprach. Er hat uns auch Lernhilfen gegeben, die ich sehr hilfreich fand.

NGA: Zuletzt wurde im Neuen Ruhrwort beschrieben, dass das Abendgymnasium zunächst mit der Idee verknüpft war, geistlichen Nachwuchs zu gewinnen. Diese Idee wurde aber bereits kurze Zeit später gelockert, sodass auch Frauen die Schule besuchen konnten. Wie sehen Sie den Stellenwert dieser Schule heute innerhalb des Bistums Essen?

Wilhelm Zimmermann: Die Gründung dieser Schule durch Bischof Hengsbach war zweifellos eine großartige Tat. Als ehemaliger Sekretär von Franz Hengsbach wage ich die Behauptung, dass die Herausbildung des geistlichen Nachwuchses durchaus ein Anliegen des Bischofs war. Die Schule wurde 1959 gegründet. Damals prägten die Berg- und Stahlarbeiter noch das Stadtbild. An diese Menschen hat er ebenfalls gedacht. Diese Schule erfüllte auch damals eine soziale Aufgabe. Kinder aus dem Arbeitermilieu sollten die Möglichkeit bekommen, in der Gesellschaft aufzusteigen.

Das Abendgymnasium heute ist ein Dienst an der Gesellschaft im Ruhrgebiet. Es hat damit im Gutsinn des Wortes einen missionarischen Charakter. Das Abendgymnasium übernimmt die Aufgabe, die allen Christen selbstverständlich sein sollte, nämlich für andere Menschen da zu sein. Aus der eigenen Glaubensüberzeugung wurde diese Schule aufgebaut und nimmt diese Aufgabe seitdem wahr. Wenn dann bei einzelnen Schülern die Überzeugung geweckt wird, in den seelsorglichen Bereich zu gehen, dann ist das ein guter Effekt.

Ein Abendgymnasium ist aber kein Selbstzweck, sondern eine kirchliche Einrichtung, die etwas für die Gesellschaft tut. Es tritt damit in eine tausendjährige Tradition von Kirche ein. Schon früh haben schließlich die Klöster Bildung vermittelt. Kirche bietet auch außergewöhnliche Bildungsangebote. Der Besuch eines Abendgymnasiums ist außergewöhnlicher als zur BMV zu gehen. Hier trifft man auf eine Schicht von Menschen, die sich aus unterschiedlichen Gründen dazu entschließen, sich weiterzubilden.

NGA: Diese Idee der gesellschaftlichen Teilhabe ist heute besonders entscheidend. Wenn man diese Idee bereits 1959 hatte, kann man wohl von göttlicher Fügung sprechen, die die Gründung des Abendgymnasiums begleitet hat.

Wilhelm Zimmermann: Das Bistum Essen hat immer mit vielen Problemen zu kämpfen, da es das jüngste Bistum ist. Wir haben finanzielle und strukturelle Probleme. Dennoch hat dieses Bistum immer moderne und fortschrittliche Gedanken aufgegriffen. Das Abendgymnasium war dabei ein Schritt. Aber Bischof Hengsbach hat beispielsweise den Initiativkreis Ruhrgebiet gegründet, und hat die verschiedenen Menschen so an einen Tisch gebracht. Man hat immer darauf geachtet mit solchen Entscheidungen über den innerkirchlichen Tellerrand zu schauen.

Es gibt immer wieder Stimmen, die das Bistum Essen auflösen wollen. Allerdings ist dieses Bistum die einzige Einrichtung, die das Ruhrgebiet wie eine Klammer zusammenhält. Die evangelische Kirche teilt die Region in Westfalen und Rheinland und die Regierungspräsidenten und Oberbürgermeister sind daran ebenfalls nicht interessiert.

NGA: Zum Abschluss noch zu Ihrem weiteren Werdegang. Nach erfolgreichen Abschlüssen an der Schule und der Universität waren Sie Ihr Leben lang in dieser Region tätig. Freut es Sie nun als Weihbischof in diesem Bistum gestalten zu können?

Wilhelm Zimmermann: Auf jeden Fall. Bei der Priesterweihe war es für mich unvorstellbar, dass ich einmal Weihbischof werden würde. Normalerweise hofft man eine eigene Pfarrei zu bekommen und ich habe immer wieder neue Aufgaben wahrgenommen, von denen ich mir nie vorstellen konnte, dass ich sie in einer solchen Vielzahl ausführen werde.

Ich habe mich im kirchlichen Bereich nie um eine Stelle beworben, sondern bin immer gefragt worden, ob ich mir vorstellen könne, eine neue Aufgabe zu übernehmen. Ich habe nur einmal länger überlegt, von St. Gertrudis nach Buer zu wechseln, weil ich nach nur sechs Jahren enttäuschte Menschen zurücklassen würde. Ich habe diese Aufgabe dennoch angenommen, wie ich alle anderen Aufgaben ebenfalls angenommen habe. Als der päpstliche Nuntius mir in Berlin meine Ernennung mitgeteilt hat, habe ich dieser Entscheidung ebenfalls sofort zugestimmt.

NGA: Vielen Dank für dieses Gespräch.

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