Zeitzeugengespräch

Bericht über das Zeitzeugengespräch am 19. Januar 2015

 

 Am Morgen (und am Abend) des 19. Januars hatten die Studierenden des S1a, des S1b (Deutsch) sowie des S5 (Geschichte) die Möglichkeit an einer ganz besonderen Veranstaltung teilzunehmen. Passend zu ihrer Unterrichtsreihe – der Nachkriegszeit – wurde der Zeitzeuge Herr Dieter Rother in die Schule eingeladen. Begleitet wurde er von Herrn Dr. Frank Hoffmann vom Institut für Deutschlandforschung.

IMG-20150209-WA0001In geselliger Runde begann Herr Rother, nach kurzer Einleitung seitens Herrn Hoffmanns, seinen lebendigen Vortrag. Geboren wurde Herr Rother 1932 und wuchs in einem nationalsozialistischen Deutschland auf. Seine Kindheit und Jugend verlebte er in Frankfurt an der Oder. Als die Mittelmächte 1945 den Zweiten Weltkrieg verloren, hoffte Herr Rother, wie so viele Menschen, dass mit der „Befreiung Deutschlands auch die Freiheit“ käme, was sich zumindest in seinem Fall als ein Trugschluss herausstellen sollte. Frankfurt/Oder, geografisch gesehen an der Grenze zu Polen liegend, war ab 1945 sowjetische Besatzungszone. Das Sprichwort ‚Vom Rege in die Traufe‘ scheint für diese Situation kreiert worden zu sein. Statt unter unterdrückendem Nazi-Regime lebten die Menschen nun in einem kommunistischen SED-Staat. Eine Politisierung eines Großteils der Bevölkerung war das Resultat.

Auch der mittlerweile jugendliche Dieter Rother durchlebte diese Politisierung und wurde mit zwei Gleichgesinnten in sogenannten F-Aktionen (= Freiheits-Aktionen) selbst politisch aktiv. „Mit den wirklich bescheidenen Mitteln, die uns zur Verfügung standen, begehrten wir gegen das Regime auf.“ Konkret manifestierte sich ihr Handeln in Parolen, die sie mit Pinsel und Farbe an Wände malten – Parolen wie: „Wir fordern gesamtdeutsche freie Wahlen!“; „Kämpft mit uns für die Freiheit!“ oder „Nieder mit der Sowjets!“.

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Politisches Erwachen ist in einer Zeit wie dieser sicherlich nachvollziehbar, aber klar musste auch sein, dass es eine Gefahr darstellte solche Parolen zu verbreiten – eine Gefahr, der sich Dieter Rother und auch seine beiden Mitstreiter durchaus bewusst waren. „War es also Mut? War es Leichtsinn oder war es Naivität?“, was die drei Jugendlichen ungeachtet der drohenden Konsequenzen zu ihren F-Aktionen trieb? Herr Rother ließ diese selbstaufgeworfene Frage in seinem Vortrag unbeantwortet.

Schließlich kam es, wie es kommen musste und die drohenden Konsequenzen wurden Wirklichkeit. Dieter Rother wurde von zwei Polizisten noch von seinem derzeitigen Arbeitsplatz, er arbeitete als Schreinerlehrling, abgeholt und vor die Tür geführt. Sein Einwand, dass er sich zuerst Umziehen müsse, wurde durch die Bemerkung, dass er schon bald wieder zurück sei, abgewiesen. Was sich allerdings als mehr als realitätsfern herausstellen sollte. Die Polizisten übergaben ihn an russische Soldaten, die ihn vorerst (für etwa eine Woche) in einen Kartoffelkeller sperrten, in dem weitere Gefangene untergebracht waren. Anschließend wurde er in ein Gefängnis in Potsdam verlegt, wo er gut drei Monate in einer zwei mal vier Meter großen Zelle verbrachte. Diese Zelle teilte er sich mal mit einem zeitweise auch mit zwei weiteren Gefangenen. Die Hälfte des Raums war durch eine Pritsche belegt, in der anderen Hälfte war ein Heizkörper angebracht und auf dem Boden stand ein „Scheißkübel“, der dazu diente seine Notdurft zu verrichten. In diesen drei Monaten sah Dieter Rother nur das spärliche Licht, welches durch das kleine vergitterte Fenster hereinschien, hatte kein Wasser und somit auch keine Möglichkeit sich zu waschen und es war den Gefangenen untersagt sich hinzulegen (obwohl ja eine Pritsche dagewesen wäre). Eindrucksvoll und erschütternd schildert Herr Rother diesen „ekelerregenden und erniedrigenden Zustand“ – Erlebnisse, die „einen nie mehr loslassen“, die man nicht wirklich verarbeiten und schon gar nicht vergessen kann.

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Auch hatte Dieter Rother während der gesamten Zeit seiner Haft keinen Kontakt nach draußen. Wie sich später herausstellte, wurden seine Angehörigen keineswegs über seinen Verbleib unterrichtet. Seine Mutter versuchte zwar etwas herauszufinden, stellte Nachforschungen an, die jedoch ins Leere liefen. Sein erster Kontakt zu ihr war eine Postkarte, die er nach 4 Monaten in Gefangenschaft schrieb.

Der Aufenthalt im Potsdamer Gefängnis neigte sich 1950 schließlich dem Ende zu und Dieter Rother wurde nach russischem Recht („selbstverständlich ohne Anwalt“) wegen „antisowjetischer Propaganda und unerlaubter Gruppenbildung“ zu 10 Jahren Haft verurteilt. Das Urteil unterschrieb er ohne zu wissen was darin stand, weil es sich dabei um russische Schrift handelte. Mit einem Planwagen wurde Herr Rother mit weiteren Gefangenen in das sowjetische Spezialgefängnis Bautzen verlegt. Vor dieser Reise wurde er das erste Mal seit vier Monaten geduscht und ihm wurden die mittlerweile langen verfilzten Haare geschnitten. Die Fahrt stoppte, damit die Gefangenen auf einem großen Feld ihre Notdurft verrichten konnten. „Scham“, so Rother, „Scham war Luxus.“

Die Zellen in Bautzen unterschieden sich von denen des Potsdamer Gefängnisses nur geringfügig. Einziger Unterschied: Hier gab es Stockbetten, statt einer großen Pritsche, so dass sogar vier Gefangene in einer Zelle ‚lebten‘. Dieter Rother hatte das Glück, dass er erstens in einem großen Saal mit vielen anderen Gefangenen untergebracht wurde und zweitens relativ schnell im Gefängnis in einer Schneiderei arbeiten konnte.

Nach knapp vier Jahren Haft wurde Dieter Rother vorzeitig, im Zuge einer großen Amnestie, entlassen. Doch bereits diese vier Jahre unmenschlicher Gefangenschaft genügten, um ihn des gesellschaftlichen Lebens und ganz alltäglichen Dingen wie Einkaufen, Bahn fahren oder Arbeit suchen gänzlich zu entfremden. So stand er dann „blass, mager und unsicher in der Freiheit“. „Wie macht man all diese Dinge?“, er wusste es nicht mehr, war vorerst hilflos in einer Welt, die ihn einst beheimatet hatte. Dennoch fasste er schnell den Entschluss, dass er im Osten Deutschlands nicht bleiben könne – einem Staat dessen graue Farblosigkeit nur durch ein wenig kommunistisches Rot gebrochen werde.

IMG_0295So entschied er, mit kleinem Gepäck ausgestattet, den Weg über Westberlin in die BRD anzutreten. Im Bahnhof angelangt trennten ihn nur noch die Bahnhofstüren vom Westen Deutschlands, da der Bahnhof selbst, wenn auch auf westdeutschen Boden juristisch gesehen noch im Einflussbereich der DDR lag. Um möglichst kein Aufsehen zu erregen kaufte er im Bahnhof eine Zeitung und las diese bevor er endlich, aber endgültig durch die Türen des Berliner Bahnhofs Bahnhof Zoo in seine Freiheit trat. Etwas ironisch bemerkte Dieter Rother, dass er sich als erstes eine westdeutsche Zigarette ansteckte und den Rauch in den „viel blaueren westdeutschen Himmel“ entließ. Trotz Ironie ist dieser Ort, die Türen des Berliner Bahnhofs Zoo nach wie vor ein besonderer Ort für ihn. „Immer wenn ich in Berlin bin, muss ich einmal durch diese Tür gehen.“ So ist der 16. Januar 1955 für Dieter Rother zu einem ganz persönlichen Feiertag geworden.

An dieser Stelle, dem Hineintreten in die westdeutsche Freiheit, beendete er seinen packenden Vortrag, um den Studierenden die Gelegenheit zu geben Fragen zu stellen. Diese Möglichkeit nutzen die Studierenden selbstverständlich. Als erstes kam die Frage auf, ob er jemals daran gedacht habe in den Osten, in seine Heimat zurückzukehren. Zwar besuchte Dieter Rother den Osten hin und wieder, aber er hatte für sich beschlossen, dass der Westen von nun an seine Heimat sei. Dann folgten Fragen, die sich konkreter auf die Situation der Gefangenschaft bezogen, z.B.: Wie haben sie diese fast vier Jahre Gefangenschaft wahrgenommen? Kam ihnen die Amnestie wie das Ende eines bösen Traums vor oder begleitete sie eine gewisse Wut und ein Hass auf die Menschen, die ihnen das angetan haben? Natürlich wurde Dieter Rother auch in der Zeit nach seiner Haft stets von Emotionen begleitet und wird es noch immer. „Damit können sie nicht abschließen.“ Wohl ist es ihm möglich die Erlebnisse etwas zu ordnen, einzusortieren, aber dieses Kapitel seines Lebens zu schließen, bleibt ihm verwehrt. „Demütigungen sind etwas, das einen nie loslässt.“

„Ich konnte lange Zeit nicht über die Erlebnisse sprechen“, gesteht er, „dann aber habe ich eingesehen, dass ich berichten (muss) was gewesen ist, damit es nicht vergessen wird. Schließlich ist meine Geschichte nur eine Geschichte unter vielen.“

Zum Schluss folgt die Frage, ob Herr Rother noch immer politisch aktiv sei. Diese Frage kann er bejahen, mit dem Hinweis, dass er in einer Partei ist und sich noch immer als Teil der politischen Gesellschaft versteht. Demonstrieren für politische Überzeugungen würde er allerdings nicht mehr. Mit einem Augenzwinkern fügt er hinzu: „Um vor der Polizei bei einer Demonstration wegzulaufen bin ich schließlich zu alt. Jetzt seid ihr dran!“ Man sollte nicht alles als selbstverständlich erachten, gibt er zu bedenken, „alles ist brüchig“.

Wir danken Daniel Rademacher für diesen ausführlichen Bericht des Besuchs von Dieter Rother.

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