Dafür hat es sich gelohnt!

Sophia Amina Schachtner hat es geschafft. Vom Vorkurs angefangen besuchte sie dreieinhalb Jahre das Nikolaus-Groß-Abendgymnasium und erhielt vor den Sommerferien 2019 ihr Abiturzeugnis. Ihr Abitur legte sie mit einem fabelhaften Durchschnitt von 1,7 ab und kam nun fröhlich und erleichtert zu einem Gespräch über ihre Schulzeit.

Dass Sophia Schachtner ihr Abitur ablegte, war nicht von Beginn an angedacht. Zunächst absolvierte sie erfolgreich eine Ausbildung zur Friseurin und wollte über eine Meisterprüfung einen Hochschulzugang erwerben. Krankheitsbedingt musste sie kurzfristig einen anderen Weg auswählen und entschied sich für den Zweiten Bildungsweg. Das Ziel war von Beginn an ein Studium im künstlerischen Bereich: „Ich möchte Kunstgeschichte, Kunstwissenschaften oder Theaterwissenschaften studieren, das gibt es in unterschiedlichen Kategorien an den verschiedenen Universitäten. Im März möchte ich mich dann für einen praktischen Studiengang an Fachhochschulen im Bereich Kostümbild, Bühnenbild, Objekt- und Raumdesign und Innenarchitektur bewerben.“

 

Sophia Schachtner blickt nicht wehmütig darauf zurück, dass sie nun wieder die Schulbank drücken musste: „Ich habe schöne Momente erlebt, weil man das Gefühl hatte, dass man respektiert wird, und dass die eigene kritische Meinung wertgeschätzt wird. An solchen Tagen bin ich nach Hause gegangen und habe mich über das gefreut, was ich gelernt habe.“

 

Da sie im Februar 2016 beinahe sieben Jahre nicht mehr zur Schule gegangen ist, hat sie zunächst im Vorkurs begonnen, was sie ebenfalls als hilfreich empfunden hat: „Es ist eine große Zeitspanne vergangen, sodass man erst einmal wieder ins Lernen und den Schulalltag hineinkommen muss. Dafür war der Vorkurs super hilfreich. Dort habe ich schon zu Beginn Freunde gefunden, die mich bis zum Schluss begleitet haben.“

 

Mit dem erfolgreichen Abitur wird Sophia Schachtner nun das Studium aufnehmen können, auf das sie all die Jahre hingearbeitet hat. Das Nikolaus-Groß-Abendgymnasium wünscht ihr wie auch allen anderen Abiturientinnen und Abiturienten viel Erfolg bei ihrem weiteren Weg.

 

 

 

Im weiteren Verlauf finden Sie das Gespräch mit Sophia Amina Schachtner im weiteren Verlauf in voller Länge:

 

Nikolaus-Groß-Abendgymnasium (NGA):
Wie kam es zu der Idee, dass Sie Ihr Abitur nachholen?

Sophia Schachtner:
Da gab es zwei Faktoren. Ich bin gelernte Friseurin und musste aufgrund einer Hauterkrankung meinen Beruf aufgeben. Ich habe mich gleich drei Tage später hier angemeldet. Der zweite Punkt war, dass ich immer schon mein Abitur in der Tasche haben wollte.

 

NGA:
Das heißt ohne die Erkrankung…

Sophia Schachtner:
…hätte ich meinen Meister gemacht. Über den Meister hätte ich auch einen Hochschulzugang erworben.

 

NGA:
Es war auch Ihre Idee, danach zu studieren?

Sophia Schachtner:
Das war meine Idee. Allerdings habe ich hier angemeldet, nachdem mir die Ärzte davon abgeraten haben.

 

NGA:
Wie sind Sie auf das Nikolaus-Groß-Abendgymnasium gekommen?

Sophia Schachtner:
Ein Bekannter von mir war auf der Schule und hat mir davon erzählt. Dann habe ich mich im Internet weiter informiert. In Essen gibt es nur zwei Möglichkeiten und wegen der flexiblen Unterrichtszeiten fiel mir die Wahl nicht schwer, mich am Nikolaus-Groß-Abendgymnasium anzumelden.

 

NGA:
In Ihrem gelernten Beruf konnten Sie nicht mehr arbeiten. Haben Sie stattdessen in einer anderen Branche neben der Schule gearbeitet?

Sophia Schachtner:
Ich habe im Einzelhandel und der Gastronomie gearbeitet. In diesen beiden Bereichen konnte ich flexibel arbeiten und brauchte nicht so viele Vorkenntnisse zu haben.

 

NGA:
Warum haben Sie Ihr Fachabitur nicht auf dem ersten Bildungsweg abgelegt?

Sophia Schachtner:
Ich wollte damals unbedingt arbeiten und habe meinen Ausbildungsplatz als Friseurin sehr schnell bekommen. Ich habe meinen Schulabschluss damals in Bayern gemacht. Ich war dort auf einer Hauptschule und konnte dort die Mittlere Reife ablegen. Von dort aus hätte ich auf das Gymnasium wechseln müssen. Das habe ich mir damals auch wegen meiner Noten nicht zugetraut, da ich einen Notenschnitt von 3,2 hatte.

 

NGA:
Der Weg von Bayern nach Essen ist allerdings weit.

Sophia Schachtner:
Ich bin geboren und aufgewachsen in Bayern. Ich wollte nach der Schule aber in die Großstadt, am liebsten nach Berlin, ziehen. Dort wollte ich ans Theater, was aber leider nicht auf Anhieb geklappt hat. Für die Ausbildung bin ich dann nach Essen gezogen, da hier ein Teil meiner Familie lebt. Gott sei Dank! Sonst hätte ich mein Abitur nicht. (lacht)

 

NGA:
Ab wann entstand die Idee, dass Sie den Schulabschluss nachholen?

Sophia Schachtner:
Die Idee kam erst in der Woche, als ich meinen Beruf gekündigt habe, es war also total spontan. In dem Moment wurde mir klar, dass ich eine Alternative zum Friseurberuf und meinem Weg, den Meister zu machen, suchen musste. Ich hätte auch eine andere Ausbildung beginnen können oder weiter in der Gastronomie arbeiten können und warten, was passiert, aber in einem gewissen Alter möchte man etwas erreichen. Deswegen habe ich mich sicher und schnell zum Abitur entschlossen.

 

NGA:
Wie war denn der Rückhalt bei Ihren Freunden und Bekannten?

Sophia Schachtner:
Die fanden das super. Es hätte keiner gedacht, dass das jetzt so spontan kommt, aber ich habe 100% Unterstützung von allen Seiten bekommen. Freunde haben mir Nachhilfe gegeben und meine Mutter hat vor Klausuren stundenlang mit mir telefoniert, um mich zu beruhigen.

 

NGA: Sie haben im Vorkurs angefangen und die Schule mit Bravour gemeistert. Hätten Sie im Nachhinein später – bspw. im Semester 1 oder gar 3 – begonnen?

Sophia Schachtner:
Da ich die Mittlere Reife mit 3,2 abgeschlossen habe, wurde mir im Vorfeld empfohlen, im Vorkurs zu beginnen, was auch der richtige Weg war. Ich habe meine Mittlere Reife 2009 abgelegt, es war also zu dem Zeitpunkt sieben Jahre her. Deswegen war ich froh, die Grundlagen auffrischen zu können. Das ist eine große Zeitspanne, sodass man erst einmal wieder ins Lernen und den Schulalltag hineinkommen muss. Dafür war der Vorkurs super hilfreich. Dort habe ich schon zu Beginn Freunde gefunden, die mich bis zum Schluss begleitet haben.

 

NGA:
Es treffen viele Menschen mit sehr unterschiedlichen Hintergründen an der Schule zusammen. Wie schwierig empfanden Sie die Eingewöhnung?

Sophia Schachtner:
Das ging sehr leicht, weil jeder mit den gleichen Erwartungen und Ängsten an die Schule kam. Da haben wir uns sehr schnell zusammengetan. Wir hatten auch tolle Lehrer im Vorkurs, die uns schon am Willkommenstag durch Vorstellungsrunden das Kennenlernen erleichtert haben.

 

NGA:
Ihr Vorkurs wirkte auch von Beginn an sehr harmonisch.

Sophia Schachtner:
Das empfand ich auch so. Ich kann mich noch an einen älteren Herrn um die siebzig erinnern und eine ältere Dame, die zu Beginn in unserem Vorkurs saßen. Zu denen haben wir in einigen Fächern aufgeschaut, wie Deutsch oder Englisch. Und in Mathe konnten wir ihnen wiederum helfen. Das zeigt, was für eine schöne Dynamik im Vorkurs war.

 

NGA:
Sie haben in dreieinhalb Jahre ihr Abitur gemacht und in der Gastronomie einen körperlich fordernden Beruf ausgeübt. Wie haben Sie in dieser langen Zeit Schule und Beruf verbinden können?

Sophia Schachtner:
Das funktioniert. (lacht) Es hilft, eine gute Organisation zu haben. In dem Bereich habe ich in der Schule noch etwas dazu gelernt. Ich hatte tolle Arbeitskollegen, die mir den Rücken freigehalten haben. Zu Hause war es ebenso. Man kann es in der Zeit nicht jedem recht machen, aber nach dreieinhalb Jahren habe ich ein tolles Ergebnis, für das sich der Einsatz gelohnt hat.

 

NGA:
Gab es bei diesem stressigen Alltag Rezepte, wie sie sich erholen konnten?

Sophia Schachtner:
Das große Privileg sind die Ferien, die auch nicht so selten kommen, wie ich am Anfang dachte. Dort kann man sich erholen. Zwischen den Klausurenphasen gibt es auch immer ein paar Tage, bei denen man sich erholen kann.

 

NGA:
Gab es Momente, an denen Sie die Schule abbrechen wollten?

Sophia Schachtner:
Zwei Tage vor der ersten Abiklausur. (lacht) Da war ich sehr nervös. Ansonsten war es jederzeit eine klare Sache. Ich habe den Weg einmal angefangen, den wollte ich während der ganzen Zeit auch beenden.

 

NGA:
Was war für Sie motivierend an der Schule?

Sophia Schachtner:
Es ist beeindruckend, dass die Lehrerinnen und Lehrer einem geduldig alles erklären, solange bis man es auch verstanden hat. Das ist mir bereits im Vorkurs aufgefallen. Das kannte ich aus dem ersten Bildungsweg mitunter anders. Ich habe schöne Momente erlebt, weil man das Gefühl hatte, dass man respektiert wird, und dass die eigene kritische Meinung wertgeschätzt wird. An solchen Tagen bin ich nach Hause gegangen und habe mich über das gefreut, was ich gelernt habe. Rückblickend habe ich in den dreieinhalb Jahren sehr viel gelernt, wovon ich vorher keine Ahnung hatte.

 

NGA:
Wenn Sie zurückblicken, wie hat Ihnen die Zeit am Abendgymnasium gefallen?

Sophia Schachtner:
Es war eine gute Zeit. Ich habe viele Freunde gefunden, die ich hoffentlich auch in den nächsten Jahren an meiner Seite haben werde. Ich habe Lehrer kennen gelernt, auf die ich immer wieder zurückkommen kann. Ich würde es wieder so machen. Auch wenn ich am Anfang dachte, dass dreieinhalb Jahre eine lange Zeit sind, ist es in der Rückschau ein Augenblick. Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

 

NGA:
Haben Sie nach Ihrem erfolgreichen Abschluss weitere Schritte in Richtung Bildung vor?

Sophia Schachtner:
Da ich einen zulassungsbeschränkten Studiengang wählen möchte, habe ich mich gestern an sieben Unis beworben. Ich möchte Kunstgeschichte, Kunstwissenschaften oder Theaterwissenschaften studieren, das gibt es in unterschiedlichen Kategorien an den verschiedenen Universitäten. Im März möchte ich mich dann für einen praktischen Studiengang an Fachhochschulen im Bereich Kostümbild, Bühnenbild, Objekt- und Raumdesign und Innenarchitektur bewerben. Da muss man eine Mappe mit kreativen Entwürfen abgeben, dafür möchte ich mir Zeit nehmen, weil das neben dem Abitur nicht möglich war.

 

NGA:
Sie sagten, dass Sie nach dem Schulabschluss nach Berlin ans Theater gehen wollten. Wollten Sie schon damals im Bereich Kostüm oder Bühnenbild arbeiten?

Sophia Schachtner:
Ursprünglich fand ich auch Maskenbild interessant. Aufgrund der verwendeten Materialien, kann ich in diesem Bereich allerdings nicht arbeiten. Ich habe aber im Bereich Kostüm und Bühnenbild ein Praktikum bei den Hamburger Kammerspielen gemacht, was mich in dieser Richtung komplett bestärkt hat. Da fühle ich mich genauso wohl wie in der Maske.

 

NGA:
Dann kennen Sie die Praxis also schon. Ist es dann so, dass ein Regisseur kommt und den Kostüm- bzw. Bühnenbildnern sagt, wie er es sich vorstellt, und Sie müssen versuchen diese Vorstellung zu verwirklichen?

Sophia Schachtner:
Während der Proben sagt der Regisseur, wie er sich verschiedene Szenen vorstellt. Der Bühnenbildner hat wiederum kreative Freiheit, und kann seine Ideen einbringen. Er muss die Bilder innerhalb kürzester Zeit fertig stellen. Danach wird besprochen, ob die Schauspieler in diesem Bühnenbild vernünftig arbeiten können.

 

NGA:
Bei der großen Begeisterung für das Theater gehen Sie bestimmt auch gerne in Vorstellungen.

Sophia Schachtner:
Die sehe ich sehr gerne. Dieses Jahr wurde Othello im Aalto-Theater aufgeführt, was für mich genial war. Dieses Stück haben wir nämlich in Englisch besprochen. Das habe ich mir gleich zwei Mal angeguckt, weil dort ein wundervolles Bühnenbild war. Der Bühnenbildner war ein Italiener, der die Bühne ganz minimalistisch, aber sehr aussagekräftig gehalten hat. Die Symbolik und Metaphorik hat die Aussage des Stückes wunderbar unterstützt. Das Ruhrgebiet und Düsseldorf haben sehr viele tolle Theater und Opernhäuser, in denen man sich sehr viel Inspiration holen kann.

 

NGA:
Vermissen Sie, als künstlerisch interessierter Mensch, Fächer wie Musik oder Kunst am Abendgymnasium?

Sophia Schachtner:
Auch ohne diese Fächer hatte ich Möglichkeiten, mich künstlerisch zu betätigen. Die Gestaltung von Gruppenarbeiten konnte beispielsweise kreativ ausfallen. Die Studierenden haben auch eine Theater AG gegründet, in der man sich kreativ einbringen konnte. Durch die begrenzte Stundenzahl ist nicht genug Raum für künstlerische Fächer, weswegen diese auch nicht fehlen. In den künstlerischen Fächern, die ich studieren will, sind das Wissen von Fächern wie Deutsch und Geschichte sehr wichtig, das man in Projekte mit einbauen kann.

 

NGA:
Der Zweite Bildungsweg ist nicht unumstritten. Was sagen Sie jemanden, der überlegt, ob es überhaupt notwendig ist, den Zweiten Bildungsweg zu erhalten?

Sophia Schachtner:
Diese Diskussion halte ich für falsch, weil auch heute nicht jeder die Möglichkeit hat, das Abitur auf dem Ersten Bildungsweg zu absolvieren. Egal ob es familiäre oder berufliche Entscheidungen sind, jeder hat es verdient, dass er das Abitur auf dem Zweiten Bildungsweg ablegen kann. Ich habe in den dreieinhalb Jahren viele Lebensgeschichten kennen gelernt und ich weiß, dass jeder seine Stolpersteine im Leben hatte. Jeder ist dankbar, diese Möglichkeit zu haben, da es ohne Abitur wenig Möglichkeiten gibt, um an einer Hochschule zu studieren. In der Gesellschaft ist der Abschluss zusätzlich anders anerkannt, als bspw. ein Gesellenbrief als Friseurin. Das zu erreichen sollte jedem möglich sein.

 

NGA:
Danke für das Gespräch!