Abiturrede von Dezember 2009

Auf der Abiturfeier am 18. Dezember 2009 hielt der Schulleiter Bernhard Nadorf folgende Rede:

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, Liebe Freunde und Angehörige unserer Studierenden, Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Im Namen der Schulgemeinde des Nikolaus-Groß-Abendgymnasiums begrüße ich Sie alle sehr herzlich in unserem Hause. Am Montag haben wir das Abitur mit den letzten Prüfungen abgeschlossen, heute feiern wir gemeinsam unseren Erfolg.

Sie alle, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, haben die Abiturprüfung erfolgreich bestanden; der Schmerz ist vorbei; heute erhalten Sie das Zeugnis der Allgemeinen Hochschulreife; dazu gratuliere ich Ihnen allen sehr herzlich.

Mein Glückwunsch und mein Dank gilt auch Ihnen, den Angehörigen und Freunden unserer Studierenden. Sie haben in den vergangenen Jahren auf manches verzichtet. Sie haben unsere Abiturienten auf ihrem Weg begleitet, ermutigt und ihnen immer wieder den Rücken gestärkt. Deshalb sind Sie heute auch zu Recht hier, denn Sie sind ein Teil des Erfolgs – Sie, die Väter, Mütter, Geschwister und Ehepartner unserer Studierenden.

Dieser Erfolg ist das Ergebnis einer gemeinsamen Arbeit von Studierenden und von Lehrenden. Es gehört zu den Besonderheiten zentraler Abiturprüfungsverfahren, dass nicht nur der Leistungsstand unserer Studierenden, sondern auch die Qualität unserer pädagogischen Arbeit getestet wird. Gemeinsam haben die Studierenden und Lehrenden dieses Abitursemesters ein Ergebnis erreicht, das auch im Landesvergleich als überdurchschnittlich zu bezeichnen ist – und das unter den besonders schwierigen Bedingungen eines berufsbegleitenden Unterrichts – ein schönes Geschenk für eine Schule, die in diesem Jahr ihr 50jähriges Schuljubiläum gefeiert hat und an der Schwelle zu einem neuen Jahrzehnt in ihre zweite Jahrhunderthälfte eintritt.

Ihnen, den Kolleginnen und Kollegen, Ihnen den Freunden und Angehörigen und vor allem Ihnen, den Abiturientinnen und Abiturienten: Chapeau

Liebe Festgemeinde: Ich weiß nicht, ob Sie alle die Apothekenumschau kennen. Sie legt in jeder Apotheke aus, wird im Abendprogramm der großen Fernsehanstalten intensiv beworben und enthält wertvolle Tipps zu Rheumadecken, Sesselliften und Rollatoren. Die Leser dieser Zeitschrift befinden sich – das darf man so sagen – in einer Altersgruppe, die nicht mehr schulpflichtig ist und in aller Regel auch nicht eine Schule des zweiten Bildungsweges besucht.

Die Abiturzeitschrift, die unsere Studierenden vorgelegt haben, enthält nun sehr interessante Parallelen zur Apothekenumschau und sie ist übrigens auch umsonst zu haben. Die farbliche Gestaltung und der Inhalt dieser Zeitung legen übrigens den Verdacht nahe, dass sie von einer führenden Deutschen Pharmafirma gesponsert wurde, ohne dass diese Firma im Impressum genannt wird.

Ich würde dies einmal als Schleichwerbung bezeichnen.

Da ich sowohl auf der Vorderseite dieser Zeitschrift als Namengeber eines Medikamentes und auf der Rückseite mit Photo und Durchsage abgebildet bin, gestatten Sie mir, wenn ich als Cheftherapeut dieser Schule etwas zur Verbindung von Schule und Gesundheit sage, was über den aktuellen Bezug zur Schweinegrippe hinausgeht.

Mein stellvertretender Schulleiter oder – um in der Sprache des Sheriffs zu bleiben – mein Deputy – pflegt mich manchmal als Anstaltsleiter zu bezeichnen – wobei interessant ist, dass er sich bisher selbst nie als stellvertretenden Anstaltsleiter gesehen hat.

Nun ist eine Anstalt – wie Sie alle wissen – kein Krankenhaus, und ich überlasse es Ihnen, dieses Wort im Einzelnen zu interpretieren. Aber vielleicht muss man je schon etwas verrückt sein, sich selbst in eine solche Anstalt einzuweisen, 3,5 Jahre durchzuhalten und dann – nach einer großen Operation als geheilt entlassen zu werden.

Aber: Gott sei Dank bestimmen in dieser Gesellschaft immer noch wir selber, was verrückt und was nicht verrückt ist, und die Definition von einem richtigen Platz und von einem falschen Platz ist immer von der Perspektive des Betrachters abhängig.

Wenn man, Liebe Studierende, Ihre Abiturzeitung liest, dann weiß man nie so ganz genau ob Sie sich selbst oder ob wir Ihnen den Schmerz zugefügt haben, der mit dem heutigen Tag endet. Ich glaube, das Abendgymnasium war für viele von Ihnen ein „surgical cut“, ein chirurgischer Eingriff, der schmerzt, aber auch zur Heilung beiträgt.

Und wenn man die Abiturzeugnisse mit der Zensurendiagnose betrachtet, dann hat man schon den Eindruck, dass mit der Entlassung aus dieser Anstalt eine neue Perspektive für Ihre persönliche Zukunft verbunden ist.

Das therapeutische Grundkonzept dieser Schule ist klar: Wir wollen, dass Menschen aus allen Altersgruppen und sozialen Schichten die Chance erhalten, einen höheren Schulabschluss zu erreichen, um ein Hochschulstudium aufzunehmen, sich beruflich weiter zu qualifizieren oder auch persönlich durch den Besuch des Abendgymnasiums weiterzuentwickeln.

Herr Minister Armin Laschet hat das in seinem Festvortrag am 02. Oktober einmal in dem Satz zusammengefasst: Deutschland auf dem Weg zur Aufsteigerrepublik; und die ersten Abiturienten haben das Leitwort gewählt: Von der siebten Sohle zur Akropolis.

In diesem Sinne gehören alle, die nicht stehen bleiben, sondern den Mut haben, neue Wege zu gehen, um ihrem Leben auch nach dem Ende der Schulpflicht eine neue Perspektive zu geben, zur sog. Bildungselite, insbesondere natürlich vor allem auch die Studierenden, die besonders gute Leistungen erzielen.

Das Wort Elite kommt von electus ausgewählt. In vielen Ländern hat dieser Begriff einen positiven Klang: Insbesondere im angelsächsischen Bereich, in Amerika und England gibt es sogenannte Eliteuniversitäten oder Eliteschulen, aus denen Nobelpreisträger hervorgehen und die sich durch ausgezeichnete Leistungen im Bereich der Forschung profilieren. Sie treten miteinander in Konkurrenz und tragen damit zur innovativen Entwicklung der Gesellschaft bei.

Wir betrachten den Begriff der Elite zunächst mit Skepsis, weil wir vermuten, dass es sich dabei um eine finanzielle oder soziale Elite handelt. Durch die Weltwirtschaftskrise ist diese Bezeichnung zusätzlich diskreditiert, weil viele den Eindruck haben, dass sich die Eliten ohne jeden moralischen Anstand und ohne jede Verantwortung für die Gesellschaft bereichert haben. Die negative Bedeutung des Wortfeldes wird noch stärker in der Bezeichnung „Elitär“ deutlich.

Was ist die richtige Mitte?

Es ist zunächst einmal völlig klar, dass jede Gesellschaft Menschen braucht, die überdurchschnittliche Fähigkeiten haben. Wir müssen diese Menschen fördern, in unseren Klassenzimmern, in unseren Lehrerzimmern und in unseren Hochschulen. Nicht der Neid, nicht die Ignorierung und nicht die Isolierung, sondern die Unterstützung und die individuelle Förderung ihrer Begabung müssen im Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit stehen.

Wir müssen vor allem allen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, die diese Fähigkeiten haben, unabhängig vom Geldbeutel ihrer Eltern den Zugang zu schulischen und universitärer Ausbildung eröffnen – auch durch den Ausbau eines Stipendiatensystems, das diesen Namen wirklich verdient.

Auf der anderen Seite dürfen wir erwarten, dass sich die Eliten nicht von der Gesellschaft abkapseln, sondern ihr Handeln an ethischen Maßstäben orientieren, lernen, ihr Wissen mit anderen zu teilen, solidarisch zu handeln und teamfähig zu sein.

All dies sind Eigenschaften, die auch für Ihr Studium an der Hochschule von immer größerer Bedeutung sein werden. Die Universitäten erwarten von Ihnen zum einen fachliche Kenntnisse, zunehmend prüfen und bewerten sie aber auch persönliche Fähigkeiten, die überfachlich sind. Das Gleiche gilt für die Personalchefs der Firmen, die ebenfalls großen Wert auf diese Qualifikationen legen.

Vielleicht wird diese Gesellschaft Eliten immer als etwas verrückt bezeichnen und ganz besonders diejenigen, die sich vom Basiscamp auf den Weg zum Gipfel machen. Etwas Risiko und etwas Schmerz sind immer dabei, wenn man sich auf einen neuen Weg macht. Was zählt ist das Ergebnis des surgical cut, den Sie vorgenommen haben.

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, wenn ich Ihnen in dieser Feier die Abiturzeugnisse überreiche, dann verbinde ich damit die Anerkennung für Ihre persönliche Leistung und den Dank unseres Kollegiums für die gute Zusammenarbeit in den vergangenen Jahren mit den besten Wünschen für Ihre persönliche Zukunft.

Liebe Festgemeinde,

Wir stehen an der Schwelle zu einem neuen Abschnitt in der Geschichte unserer Schule und zu einem neuen Jahrzehnt, das wir im Ruhrgebiet mit dem Jahr der Kulturhauptstadt eröffnen werden.

Für unsere Schule ist auch wichtig, dass an diesem Sonntag der neue Bischof von Essen, Dr. Franz-Josef Overbeck eingeführt wird. Wir begrüßen ihn ganz herzlich in unserem Bistum.

Sie, liebe Abiturienten, gehören zu der Generation, die die Zukunft von Kirche und Gesellschaft in dieser Region gestalten wird. Mit der Verleihung des Zeugnisses der Allgemeinen Hochschulreife haben Sie eine wichtige Grundlage für Ihre persönliche Zukunft gelegt.

Ihnen allen, liebe Gäste, wünsche ich einen schönen Abend in unserem Hause, ein friedvolles und ein gesegnetes Weihnachtsfest und viel Erfolg und vor allem persönliche Gesundheit im neuen Jahr 2010.

Abitur im Wintersemester 2009/10

Bild oben: V. l. n. r.: Frau Schmidtmann, Frau Strauß, Frau Petric, Frau Krusche, Herr Tanz

Am Freitag, dem 18. Dezember 2009 haben wir 40 Studierende mit dem Zeugnis der allgemeinen Hochschulreife von unserer Schule verabschiedet. Alle haben die Prüfung bestanden; insgesamt ist der Zensurendurchschnitt der Abiturklasse auch im Vergleich zu anderen Schulformen als deutlich überdurchschnittlich zu bezeichnen.
Wir gratulieren unseren Abiturienten zur bestandenen Prüfung und wünschen Ihnen Gottes Segen und viel Erfolg auf ihrem Lebensweg.

„Eigentlich kann ich mehr“

Michael Tanz ist 27 Jahre alt und arbeitet als Lokführer bei der Deutschen Bahn. Seit wenigen Tagen kann er stolz sein Abiturzeugnis präsentieren. Auf dieses Ziel hat er, der gebürtig aus Thüringen kommt und vor einigen Jahren ins Ruhrgebiet zog, die letzten drei Jahre konsequent hingearbeitet: „Vor einigen Jahren kam ich an einen Punkt, an dem ich erkannte, dass ich eigent-lich mehr kann als das, was ich derzeit mache.“ Ein bloßes Weitermachen, so empfand es der Lokführer, hätte für ihn selbst „Stillstand“ bedeutet: „Ich habe von meinem Beruf und meinem Leben mehr erwartet“. Der Zweite Bildungsweg bot ihm die Möglichkeit, dies auch realisieren zu können. Denn auch der Schichtdienst bei der Deutschen Bahn ließ sich mit dem Schulbesuch vereinbaren. Als eines von nur wenigen Abendgymnasien in Deutschland bietet das Nikolaus-Groß-Abendgymnasium in Essen Unterricht im Schichtsystem an: Michael Tanz konnte sich so aussuchen, ob er den Unterricht vormittags oder abends besuchte – der vermittelte Stoff war der gleiche. Und da er auch von seinem Arbeitgeber in dem Vorhaben, das Abitur nachzuholen, un-terstützt wurde, ließ sich der Beruf und das Drücken der Schulbank miteinander vereinbaren.

Viele, die aus unterschiedlichsten Gründen ihre vorherige Schulkarriere nicht erfolgreich been-den konnten, haben am Weiterbildungskolleg des Bistums Essen die Chance, einen Abschluss entsprechend ihrer wirklichen Fähigkeiten zu machen. Und können sich so neue Ziele im Leben setzen: Michael Tanz will ab Oktober ein Studium der Verkehrtechnik in Dresden beginnen.

Mit Michael Tanz haben insgesamt 40 Studierende in diesem Winter das Abitur am Nikolaus-Groß-Abendgymnasium bestanden. Der Abiturdurchschnitt lag dabei mit der Note 2,28 über dem Durchschnitt der Tagesgymnasien (2,58) , der Gesamtschulen (2,84), der beruflichen Gymnasien (2,67 ) und der anderen Weiterbildungskollegs (2,50) im Jahr 2009. Dies führen zwei weitere Studierende, die mit Herrn Tanz jetzt Abitur machten, vor allem auf folgende Gründe zurück: Tanja Krusche hebt hervor, dass sie mit jetzt 23 Jahren nach einer Ausbildung zur Friseurin nun eine andere Einstellung zu Schule und zum Lernen habe: „Damals war man noch nicht reif ge-nug, um ein so gutes Abitur zu machen.“ Schon während der Lehre fasste sie den Entschluss, aus dem „Knochenjob“ des Friseurhandwerks auszusteigen – und nur einen Monat nach Ausbil-dungsbeginn begann sie ihre zweite Schullaufbahn. Nach den drei Jahren am Nikolaus-Groß-Abendgymnasium möchte sie nun ebenfalls studieren, und orientiert sich derzeit in Richtung Erziehungswissenschaften, Psychologie oder Lehramt.

Einen zweiten Grund für das positive Abschneiden sieht Barbara Strauß, die mit 43 Jahren einer anderen Generation angehört, in dem positiven Schulklima. Im Gegensatz zu den häufigen Kon-flikten an Tagesschulen sei der Umgang mit den Lehrern und Mitschülern am Nikolaus-Groß-Abendgymnasium viel entspannter gewesen. In seiner Abiturrede als Jahrgangsstufensprecher würdigt auch Michael Tanz die Leistung der Lehrer, die morgens und abends zur Schule kämen. Sie hätten alle Studierenden individuell gefördert und so „das Bestmögliche aus uns herausge-holt“. Auch Frau Schmidtmann und Frau Petric sehen sich ihrem Traum des Studiums, der bei Frau Schmidtmann sogar auf einen Kindheitstraum gegründet ist, als die gebürtige Innsbruckerin in der Schule in einer Hänsel und Gretel Aufführung mitwirkte, ein Stück näher. Sie möchte jetzt Dramaturgie studieren.

Neben den geistigen Inhalten, die sie sich erarbeiten konnten, sehen viele Studierende auch, dass das positive Miteinander und die vermittelten Werte zu ihrer Persönlichkeitsentwicklung beigetragen. Hierzu zählen auch zahlreiche Freundschaften, die im Verlauf der Schule ge-knüpft wurden und die die Studierenden auch nach dem Abitur aufrechterhalten wollen.


 

Zur Information: Die neuen Kurse am Nikolaus-Groß-Abendgymnasium beginnen am 01.02.2009
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