Aufruf zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit

Aufruf der (Erz-)Bischöfe und Diözesanadministratoren der fünf in Nordrhein-Westfalen gelegenen Diözesen Aachen, Essen, Köln, Münster und Paderborn zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit

Das Schicksal arbeitsloser Menschen ist für uns längst mehr als eine Zahl in der Statistik. Bei den Besuchen in den Pfarrgemeinden unserer Bistümer begegnen wir den Arbeitslosen. Die Veröffentlichungen der Arbeitsämter bieten anonyme Statistiken – die Begegnung mit den Arbeitslosen vermittelt einen Einblick in die existentielle Situation. Arbeitslosigkeit betrifft den Menschen im Kern seiner Person. Die Mitarbeiter in den kirchlichen Beratungsdiensten berichten oft mit Erschütterung, wie sehr das psychische, familiäre und soziale Gleichgewicht durch Arbeitslosigkeit gestört wird. Die Auswirkungen der Arbeitslosigkeit sind zum Teil zu einem beherrschenden Schwerpunkt der Beratungstätigkeit geworden. Die Enzyklika „Laborem exercens“ von Papst Johannes Paul II. bezeichnet Arbeit als eine „grundlegende Dimension menschlicher Existenz“. Arbeitslosigkeit erschüttert damit das Lebensfundament. Der tragende Grund ist beschädigt, so daß Mauern und Pfeiler des Lebenshauses Risse zeigen und das Ganze ins Wanken bringen.

Im Februar 2003 waren in Deutschland mehr als 4,7 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet. Dies ist mit 11,3 Prozent Arbeitslosenquote einer der höchsten Werte seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland. Die Hauptlast haben dabei die neuen Bundesländer zu tragen. Aber auch das Ruhrgebiet liegt mit einer Quote von 12,9 Prozent deutlich über dem Bundesdurchschnitt.

Seit 1974 ist die Massenarbeitslosigkeit in Deutschland praktisch kontinuierlich gestiegen und hat sich nur für relativ kurze Zeiträume vorübergehend etwas abgebaut. Der Anteil der Langzeitarbeitslosen ist gewachsen, und gerade in letzter Zeit sind junge sowie überdurchschnittlich gut qualifizierte Menschen mitten in einer erfolgreichen beruflichen Entwicklung betroffen.

Aus der Perspektive vieler Arbeitsloser ist unsere Gesellschaft gespalten in Besitzer und Nicht-Besitzer von Arbeitsplätzen. Wer Arbeit hat, kann ein verhältnismäßig sorgenfreies Leben mit Entwicklungschancen, persönlicher und gesellschaftlicher Anerkennung führen und verfügt über eine begründete Lebensperspektive für Familie und Kinder. Wer jedoch keine Arbeit hat, wird bedrückt von Sorge, Ungewißheit, Selbstzweifeln, Depressionen und muß häufig hinnehmen, daß Lebenspläne zerstört werden und die Existenzsicherung der Familie aus eigener Kraft nicht mehr möglich ist.

Niemand ist heute gegen Arbeitslosigkeit gefeit. Sie betrifft alle Berufszweige und Schichten.

In dieser dramatischen Lage rufen wir erneut gemeinsam wie 1994 zu einer außerordentlichen Kraftanstrengung auf. Es ist eine gesamtgesellschaftliche, gesamtstaatliche und gesamteuropäische Aufgabe von höchster Priorität, die Arbeitslosigkeit zu stoppen, abzubauen und zukunftssichere, neue Arbeitsplätze zu schaffen. So wie bisher kann es in Deutschland nicht weitergehen. Wir stellen die Frage, ob die Verantwortungsträger in Deutschland, die Regierungen und Parlamente in Bund und Ländern, die Kommunen, die Unternehmer und Gewerkschaften, auch in ihrer Eigenschaft als Tarifpartner, wirklich alles ihnen Mögliche getan haben, um die Massenarbeitslosigkeit zu bekämpfen, um neue Arbeitsplätze zu schaffen und Millionen von Mitbürgern mit ihren Familien aus der wirklichen sozialen Ungerechtigkeit der Massenarbeitslosigkeit zu befreien. Haben unsere Verantwortungsträger wirklich die Überwindung der Arbeitslosigkeit zu ihrer zentralen, alles andere überragenden Aufgabe gemacht? Diese Fragen stellen wir mit allem Nachdruck, weil unfreiwillige Arbeitslosigkeit mit ihren dramatischen Folgen für den Betroffenen und seine Familie zutiefst inhuman ist und dem christlichen Bild vom Menschen widerspricht. Dies verpflichtet uns alle zu Gerechtigkeit und Solidarität.

Als alarmierend bewerten wir die Entwicklung auf dem Ausbildungsmarkt. Zum Beginn des Ausbildungsjahres waren bundesweit mehr als 23.000 Bewerberinnen und Bewerber ohne Ausbildungsplatz. Gegenüber dem Vorjahr bedeutet dies einen Zuwachs um 14.3 Prozent. Diese jungen Menschen erleben direkt am Start ihres beruflichen Werdegangs ein Scheitern, von dem sich manche nicht mehr erholen. Es ist eine gesellschaftliche Verpflichtung ersten Ranges, ausbildungsfähigen und -willigen jungen Menschen eine Chance zum Einstieg in ein selbstverantwortetes Leben zu ermöglichen.

Die Bemühungen können sich nicht darauf beschränken, die Vermittlung von Arbeitslosen in vorhandene Stellen effizienter zu gestalten, obwohl hierzu die Beschlüsse der Hartz-Kommission noch zügiger umgesetzt werden müssen. Es geht vor allem um die Schaffung neuer, zukunftssicherer Arbeitsplätze. Dazu sind private und öffentliche Investitionen und ein hohes Wirtschaftswachstum erforderlich. Es müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, in denen insbesondere kleine und mittlere Unternehmen größeren Handlungsspielraum erhalten und neue Arbeitsplätze einrichten können.

Eine besondere Verantwortung kommt in dieser Situation den Tarifpartnern zu. Es ist nicht zu erkennen, inwieweit die letzten Tarifabschlüsse auch einen Beitrag zu dem gemeinsamen Ziel geleistet haben, Arbeitsplätze zu sichern. Es ist aus sozialen Gründen derzeit wichtiger, Anstöße zu mehr Arbeit zu geben. Wir appellieren deshalb an Arbeitgeber und Gewerkschaften, in konstruktiver Weise zu agieren.

Wir machen nachdrücklich aufmerksam auf die weniger Qualifizierten, die es besonders schwer haben einen angemessenen Arbeitsplatz zu finden. Sie dürfen nicht ausgeschlossen werden. Es sollte geprüft werden, ob eine stärkere, tariflich geregelte Lohndifferenzierung die Einstellung von gering Qualifizierten fördert. Das mögliche Einkommen muß dabei einen ausreichenden Abstand zur Sozialhilfe haben.

Die hohe Arbeitslosigkeit treibt unsere Gesellschaft an den Rand der Belastbarkeit. Deshalb sind alle aufgerufen, einen Beitrag zu leisten: der einzelne Bürger, der gewissenhaft mit seinen Ansprüchen an den Staat umgehen sollte; die Tarifparteien, die Mitverantwortung für die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt tragen; der Staat, indem er seine Politik vorrangig und gezielt auf die Schaffung von neuen Arbeitsplätzen ausrichtet. Papst Johannes Paul II ist nur zuzustimmen, wenn er sagt: „Die Arbeit ist ein Gut für den Menschen – für sein Menschsein – weil er durch die Arbeit nicht nur die Natur umwandelt und seinen Bedürfnissen anpaßt, sondern auch sich selbst als Mensch verwirklicht, ja gewissermaßen Mensch wird.“ (Enzyklika Laborem exercens)

Darum ist unverschuldete Arbeitslosigkeit der soziale Skandal heute.
Köln, Aachen, Essen, Münster, Paderborn, den 7. März 2003

Erzbischof Joachim Kardinal Meisner, Köln
Bischof Dr. Heinrich Mussinghoff, Aachen
Diözesanadministrator Weihbischof Franz Grave, Essen
Bischof Dr. Reinhard Lettmann, Münster
Diözesanadministrator Weihbischof Hans-Josef Becker, Paderborn