Ein Traum wurde wahr

… für diese 40 Abiturienten des Nikolaus Groß Abendgymnasiums.

Mut, Ausdauer und der Wille zum Erfolg wurden am Freitag, dem 10.1.03, mit der Überreichung der Abiturzeugnisse in der Aula des Nikolaus-Groß-Abendgymnasiums belohnt. Endlich konnten sie so richtig feiern und den Stress der Prüfungen hinter sich lassen.

Das Ziel haben sie während der zwei bis dreieinhalb Jahre in diesem Weiterbildungskolleg des Bistums Essen niemals aus den Augen verloren und sie haben in dem Streben, dieses Ziel motiviert und couragiert zu verfolgen, so Schulleiter Bernhard Nadorf in seiner Abiturrede, ihren persönlichen Traum realisiert. Studierende so unterschiedlich wie die Farben des Regenbogens sind zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen, die ihnen nach dem Abitur sicherlich fehlen wird, so die Kommentare der Studierenden. Ob z.B. als 25jähriger Fahrdienstleiter bei der Deutschen Bahn, als 33jährige Krankenschwester, als 34jährige Altenpflegerin, als 37 jährige Hausfrau, als 46jähriger Hausmann oder als 61jährige Pensionärin – sie alle haben das Angebot des Nikolaus-Groß-Abendgymnasiums genutzt ,den Unterricht im Schichtsystem zu besuchen, was ihnen die Möglichkeit gab, ihre Zeit frei einzuteilen und den Unterricht im Wechsel morgens oder abends zu besuchen.

Und wie ist es ihnen ergangen während ihrer Schulzeit?

Rabea Kammler (30, 1 Kind) wollte endlich verwirklichen, was sie sich schon während ihres Tagesschulbesuchs erhofft hatte. Mit dem Abiturzeugnis hat sie sich die Perspektive, neben ihrem Teilzeitjob in der Bücherei im Fernstudium ihre Traumfächer Deutsch und Englisch zu studieren, eröffnet.

Maria-Elisabeth Stremmel (61) bedauerte schon immer, das Gymnasium in ihrer Jugend nicht beendet zu haben, wollte aber dann die Sicherheit ihres Jobs nicht aufgeben. Als Pensionärin erfüllt auch sie sich ihren Traum und studiert bereits Wirtschaftswissenschaften. Für sie war die Zeit am Abendgymnasium sehr anregend aber auch teilweise stressig; sie freut sich darüber, dass sie nur relativ wenige Misserfolge zu verzeichnen hatte.

Für Dino Errico (24) stand der Studienwunsch Medizin von vornherein fest und so arbeitete er auch sehr gezielt auf einen sehr guten Abischnitt hin, indem er freiwillig Ausarbeitungen übernahm und sich im Kurssystem auf die Fächer Bio, Mathe und Englisch spezialisierte. Auf die Frage, was er denn Negatives am Abendgymnasium erlebt habe, fiel ihm nur ein, dass ihm niemand genau sagen konnte, wie er seinen Abischnitt kalkulieren könnte. Gleichzeitig meinte er mit einer Portion Selbsterkenntnis, habe ihm das wahrscheinlich auch nichts geschadet, da er so bis zum Schluss um gute Noten gekämpft habe und nicht die Zügel bei Erreichen des für Medizin notwendigen Numerus Clausus von 1,9 locker gelassen habe.

Daniel Funke (25) arbeitet im Wechseldienst als Fahrdienstleiter bei der Deutschen Bahn und kam zum Abendgymnasium, da bei der Bahn keine Weiterbildung angeboten wurde. Durch Zufall las er einen Artikel über das Nikolaus-Groß-Abendgymnasium, musste sich dann erst an den Gedanken gewöhnen, das Abitur nachzuholen. Jetzt strebt er ein Fernstudium auf kaufmännischer Basis an. Er fand es besonders positiv, viele Leute verschiedenen Alters kennen gelernt zu haben und interessante Lerninhalte vermittelt bekommen zu haben. „Ich werde die Zeit nicht missen, höchstens vermissen“, ist seine Überzeugung.

Claudia Meier (37, Hausfrau, 2 Kinder) ärgert sich darüber, dass sie knapp den Abischnitt von 1,0 verfehlt hat, aber den Stress einer Ergänzungsprüfung wollte sie sich dann doch ersparen und lieber die Weihnachtsferien mit ihrer Familie genießen, bevor sie in Essen das Studium der Germanistik und Kommunikationswissenschaften aufnimmt.

Täglich 110 km für den Fahrweg zum Abendgymnasium nahm Barbara Ackermann (42, 2 Kinder, Hausfrau), die in Alpen wohnt, in Kauf, um sich ihre Perspektive des Studiums der Sozial- und Heilpädagogik zu eröffnen. Für sie waren der Klassenverband und die familiäre Atmosphäre am Abendgymnasium immer besonders wichtig. Die Vorbereitungen für die Abiprüfungen zusammen mit 4 Mitstudierenden in den Herbstferien in einem Wohn-Container in Holland wird sie wohl nie vergessen, genauso wenig wie ihre Mitstudierenden. „Jenseits von Mann und Kindern hatten wir dort viel Spaß und die nötige Ruhe zum Lernen.“

Es ist nicht immer einfach, Familie, Job und Schule miteinander zu koordinieren – das bestreitet wohl niemand. Aber es lohnt sich.

Davon ist auch Rainer Lehmann (46, 1 Kind) überzeugt, der nach dem Verlust seines Geschäftsführerpostens als Hausmann die Gelegenheit zu einem Studium am Abendgymnasium nutzte, da er schon immer unbedingt seinen Dr. phil. machen wollte, was er jetzt durch ein Studium der Philosophie und Kulturwissenschaft auch verwirklichen kann. Er empfand die Zeit am Abendgymnasium als sehr bereichernd, wenn auch anstrengend, auf jeden Fall positiv und gut für die Stärkung des Selbstbewusstseins. „Trau dich“, rät er zukünftigen Studierenden.

Wie eng die Terminplanung manchmal sein kann, bestätigt Claudia Scheuermann (34, 1 Kind), die zwischen der schriftlichen und mündlichen Abiturprüfung ihr erstes Kind bekam. „Die Schule wird mir fehlen“, ist die Einschätzung der im Nachtdienst tätigen Altenpflegerin, die durch das Schichtunterrichtangebot Schule und Job „leicht“ verbunden hat. Besonders spannend fand sie die Bearbeitung von Goethes „Faust“, aber jetzt gönnt sie sich erst einmal nach all der Spannung und Anspannung eine Babypause.

Die privaten Interessen mit dem Besuch des Abendgymnasiums zu verknüpfen, hat auch Schalke-Fan Carsten Ahlers (26, Chemikant) geschafft. Die Möglichkeit morgens den Unterricht zu besuchen, führte dazu, dass er auch nicht ein einziges Schalke-Spiel am Abend verpassen musste. Während der Abiturfeier trug er selbstgedichtete Versionen von John Steinbecks ‚Of Mice and Men ‚ und Goethes ‚Faust‘ vor, die an Dr. Stratmann erinnern ließen, den wohl bekanntesten Absolventen des Nikolaus-Groß-Abendgymnasiums. Ob er einmal in die Fußstapfen seines Vorgängers Dr. Stratmann treten wird, wird sich zeigen – geplant ist jedenfalls ein Studium der Sonderpädagogik, zu dem er während seines Zivildienstes in einer Körperbehindertenschule angeregt wurde. Nach negativen Eindrücken befragt, schlug er vor ,doch einmal dringend den Sound in der Warteschleife des Schultelefons zu ändern, da dieses konservative Musikstück überhaupt nicht zu der eher lockeren Atmosphäre am Abendgymnasium passe.

„Mit 50 gibt man den Gedanken das Abitur nachzumachen auf“, so irrte sich Gerda Stauffenberg (53, Hausfrau, 2 Kinder). Einige Tage nach ihrem 50. Geburtstag ließ sie sich doch durch einen Artikel in der Zeitung dazu anregen, sich zu überwinden und sich am Abendgymnasium anzumelden. Durch positive Gespräche mit den Studierenden und den Lehrenden verlor sie dann auch schnell ihre Bedenken nach 35 Jahren noch einmal die Schulbank zu drücken. „Ich bin jeden Morgen gerne in die Schule gegangen“, ist ihr Fazit. Außerdem stellte sie im Vergleich mit den Lehrern ihrer Kinder fest, dass der Unterricht am Abendgymnasium sehr partnerschaftlich ablaufe und es kein Autoritätsgefälle gebe, sondern gegenseitiger Respekt das Lernklima präge. Einen neuen Traum gilt es jetzt zu verwirklichen: das Studium der Kommunikationswissenschaften.

Auch für Ursel Roszak (33, Krankenschwester) hat es sich „auf jeden Fall gelohnt“. Sie ist wirklich dankbar, dass sie so viel gelernt hat.

Und last but not least findet sich in diesem bunten Regenbogen von Studierenden auch Boris Becker (23) wieder, der genau wie sein berühmter Namensvetter auf der Suche nach Erfolg ist und auf diesem Wege am Abendgymnasium landete. Aufgewachsen in Singapoore, Hongkong, Tokio und Deutschland beschloss er nach seiner Tätigkeit als Zeitsoldat das Abi nachzumachen. Als Kosmopolit war er wohl eher mit anderen Gedanken beschäftigt und ist jetzt froh, die leidigen Abiturprüfungen hinter sich gebracht zu haben.

3 Monate zusammen in Hongkong zu verbringen, davon träumen er und sein Mitabiturient Dino Errico, der ihn bei seinen Prüfungen sehr unterstützt hat. Hätte er allerdings ohne Abi genauso viel Geld verdient wie sein berühmter Namensvetter, wäre dies auch in Ordnung gewesen.

So viele Studierende und so viele Pläne, die hier gar nicht alle genannt werden können.

Und wie sieht es auf der anderen Seite aus, der der Lehrerschaft? Diese bleibt mit gemischten Gefühlen am Abendgymnasium zurück, während die Abiturienten in die weite Welt hinausziehen, um sich den nächsten Traum zu verwirklichen. Einerseits herrscht Freude darüber, dass alle 40 Abiturienten sich ihren Traum vom Abitur verwirklichen konnten, andererseits stellt sich Wehmut ein, da diese nette und motivierte Abiturientia nun nicht mehr zum Unterricht kommt. Gespannt sind die Lehrer natürlich auch auf die neuen Studierenden, die den Platz im Unterricht einnehmen werden und deren Traumbegleiter sie sein dürfen. Allen gemeinsam gilt die Neugier auf das, was vor ihnen liegt.